Während ich vor dem leeren Bildschirm sitze und mich der Curser erwartungsvoll anblinkert, habe ich ein Bewusstsein dafür, worüber ich schreiben möchte und für den Umfang, den dieser Beitrag haben könnte.
Es ist wie ein riesiges Cluster in meinem Kopf, eine riesige Mindmap aus Gedanken, Sätzen, Bildern und Empfindungen: In jeden Bereich ließe sich hinein zoomen, alles könnte ein Anfang und Ausgangspunkt sein.
Gleichzeitig ist es immer auch ein Reflektieren. Vor ein paar Tagen habe ich mein erstes Filmmusik Projekt in Cubase abgeschlossen. Es klingt noch vieles nach. Wie bei jedem Projekt weiß ich im Nachhinein, was ich daraus lernen und für das nächste Projekt umsetzen kann.

Musikproduktion und Komposition
Perfektion und Anspruch
Bei einem Projekt kann ich sowohl aus der Vogelperspektive mit einem Gesamtklang oder einer allgemeinen Stimmung beginnen – oder aber mit einem Detail, einem einzelnen Klang, Instrument oder Geräusch, einem Motiv oder einem einzelnen Takt.
Ich bin davon überzeugt, dass Details entscheidend für jede künstlerische Arbeit sind und dass eine gewisse Besessenheit, es “genau richtig” ausdrücken zu wollen, ein wichtiger Antrieb sind.
In meinem letzten Projekt habe ich nach dem idealen Geräusch für Krabbenbeine und Krabbenscheren gesucht.
Ich dachte dabei ehrlich gesagt an den Klang in Paraguaya von Juana Molina und an das Geräusch vom High Five der Schafe in Shaun das Schaf …
Also saß ich konzentriert mit den Zahnputzbechern meiner Söhne, mit verschiedenen Ess-stäbchen, Steinen, einem Würfelbecher und Kochlöffeln vor den Mikros … in meiner Musik klingen nun nach langem Probieren Deckel von Thermobehältern und zwei dünne Bündel Spaghetti auf einem Kork Yogablock. Wenn ich das in der Musik höre, empfinde ich diebische Freude und frage mich, wie mein Spaghetti Gespacke in einem Kino klingen würde. Nein, es sind keine super Samples oder ideale Patches.
Sondern eine mehr als akzeptable kreative schnelle Lösung.
Klassische Ausbildung
Durch meine klassische Ausbildung – Hochleistung, Wettbewerbsfähigkeit und Perfektion als das absolute Minimum – übe ich eine Phrase “eigentlich” so lange, bis Klang und Dynamik “genau richtig – PERFEKT” sind und sich dabei im Körper auch noch organisch anfühlen.
Ich suche in meiner Arbeit nach dem idealen Geräusch oder Instrument für ein Projekt, fummelte so lange an Velocity und Automationen, Frequenzen und Tonlängen rum, bis ich sie akzeptieren kann – und dabei würze ich aber mit Risiken, Zufällen und vermeintlicher “NICHT – Perfektion”.
Das will und brauche ich so. Ich liebe es und bin hellauf und leidenschaftlich begeistert, wenn es dabei das für mich genau richtige Maß an “gerade so FAST perfekt und dadurch mehr als perfekt” erreicht hat.
Rollen und Aufgaben in Musikproduktion und Komposition
Mir muss bewusst sein, welche Rollen und Aufgaben beziehungsweise Arbeitsprozesse ich abdecke: Da ich alles allein mache, verschwimmen das Komponieren, Aufnehmen, Einspielen, Editing, Mixing und Mastering oft ineinander. Würde ich von mir selbst perfekte Einspielungen erwarten, könnte ich nicht weiter arbeiten. Inzwischen arbeite ich meistens mit ersten Versuchen und Improvisationen. Ich mag “Fehler” und interessante “Zufälle” und “Versehen”.
"THE GAP"
Die NOCH Kluft zwischen Anspruch und Umsetzung
Mein Mixing und Mastering sind noch nicht perfekt, ich halte für sinnvoll, nicht alle Aspekte einer Arbeit bei einem einzigen Menschen zu lassen, es braucht Objektivität und unterschiedliche Professionalisierungen oder die Möglichkeit, zwischendurch Abstand zu nehmen.
Dennoch finde ich wichtig, das gut genug mit im Repertoire zu haben und zu verbessern. Es würde schon sinnvoll sein, jeweils eine Woche Abstand zwischen Komposition, Mixing und Mastering lassen zu können. Weil es dieses Zurücktreten und den Abstand zur eigenen Arbeit für das frische Betrachten und Beurteilen können braucht – ein weiteres Paar Ohren wäre dennoch manchmal ganz sinnvoll.
Wenn ich mein (eigentlich…) abgeschlossenes Projekt jetzt auf einer anderen Anlage anhöre, ist es muffig und verschwommen, wieder unausgewogen und ich frage mich, ob das wirklich allen Ernstes meine Endversion war oder ob ich falsch beschriftet habe…
Inzwischen weiß ich, dass ich mit solchen Überlegungen und Sorgen nicht allein bin und jeder im Anschluss und mit etwas Abstand eine Arbeit wieder anders hört.
Nach dem letzten Projekt weiß ich, dass meine nächste Priorität sein wird, mich intensiver mit EQ auseinanderzusetzen.
In Ableton kenne ich meinen Prozess zum für mich perfekten EQ Eight für meine Flöten inzwischen genau – und ich höre direkt jede Nuance und finde genau die richtigen Frequenzen und Einstellungen. In Cubase jedoch ist mir der Studio EQ mit nur vier Einstellungen zu wenig – die anderen haben meinen Ohren nach einfach nicht die gewohnten und vertrauten Auswirkungen.
Nun habe ich schließlich für mein Piccolo pro Lage eine andere Spur mit unterschiedlichen Einstellungen für die Frequenzen eingerichtet. Es war ein wahnsinns Gefummel – und ich bin trotzdem noch nicht ganz zufrieden, weil ich nicht geschafft habe, die hölzerne Zerbrechlichkeit und gleichzeitig Wärme meines eigentlichen Piccolo Klanges herauszuarbeiten. Es klingt (noch) nicht so, wie es sein soll und wie ich es von mir erwarte.
Auch die MIDI EQs zum Beispiel der Strings und Holzbläser sind nicht das, was ich mir vorstelle und was ich von mir selbst erwarte.

Progress statt Perfection
Dabei versuche ich mich immer wieder daran zu erinnern : ich weiß nach jedem Projekt, dass es „für diesen Moment jetzt“ genau richtig, aber noch nicht “perfekt perfekt” ist und ich noch viel zu lernen habe.
Weil es vermutlich nie perfekt sein wird. Weil es immer einen entschiedenen Abschluss an einem akzeptablen Punkt brauchte. Weil es immer etwas zu verbessern und zu lernen gibt – und erst im Nachhinein klar ist, was anders und besser hätte sein können. Wir lernen nur durchs Tun, durch Fehler und Risiken. Es ist mutig, dass ich mein Projekt so abgeschlossen und sogar eingereicht habe. Es liegt nun nicht mehr in meiner Hand und es liegt nicht mehr in meinem Einfluss, wie es nun von anderen Menschen aufgenommen und bewertet wird. Ich habe viel daraus gelernt und stehe an meiner eigenen Seite.
An dieser Stelle lasse ich erneut Ira Glas mit “The Gap” zu Wort kommen :
Was meine Arbeit, meine Musikproduktion und Komposition betrifft : Es ist so ein riesiges reiches und bereicherndes Universum!
Das ist erst der Anfang, in mir ist noch so viel, das noch nicht ausgedrückt aber schon so lange darauf wartet, was gerade erst begonnen hat und gedeihen wird, weil ich es nähren werde.
Gerade weil ich davon begeistert bin, meinen Ansprüchen immer besser gerecht zu werden. Hohe Ansprüche sind ein wichtiger Antrieb. Es ist in Ordnung, dass ich diesen Ansprüchen noch nicht gerecht werde und dass es da eine Kluft gibt, die mir bewusst ist und die ich nach und nach verringern möchte.
Done is better than perfect?

Wir haben bedauerlicher Weise zu viele Rollen und Aufgaben zu erfüllen.
Alles oben genannte rund um mein Instrument, Komposition und Musikproduktion, Querflöte unterrichten, Technik und Website, Content Creation, Design und Marketing und schließlich die Kommunikation nach außen – es ist viel.
Die Bilder links und rechts? Naja, merke ich selbst. Die Alternativen? Ich kann nur mit den Schultern zucken.

Langsamkeit & Stille vs Algorithmen
Ich möchte mir ausreichend Zeit für eine Komposition und Musikproduktion nehmen können – und finde das gut und richtig so. Ja, auch wenn ich zügig und effektiv arbeite.
Auch und besonders mit klar definierten und knappen Zeitrahmen halte ich Effizienz für wichtig, wischiwaschi Hektik und unrealistische Erwartungen jedoch für ungesund.
Ich brauche lange für einen Beitrag wie diesen, weil mir Worte und ihre Bedeutungen wichtig sind. So vieles kann anders verstanden werden, mir ist wichtig, es so zu formulieren, dass es weniger Interpretationsspielraum gibt – und gleichzeitig ist mir genau der Raum, der Interpretation ermöglicht, so sehr wichtig.
In der Musik habe ich die Möglichkeit, durch unterschiedliche Ebenen und Strukturen, Instrumente, Texturen und Stimmen die Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrheiten auszudrücken. Die pure Unschuld einer Seele und gleichzeitig lauernde Gefahr oder Brutalität wäre ein Beispiel.
Mir ist bewusst, dass ich abschweife, noch so viel mehr zu sagen hätte, mich kürzer fassen müsste und für das radikale Kürzen noch mehr Zeit investieren müsste – ich entscheide mich dagegen. Dieser Beitrag geht jetzt trotzdem so raus.





